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Die Vorzeigebank wird entzaubert 23.09.2016

Wells Fargo stoppt Cross-Selling nach Skandal

Jetzt ist erst einmal Schluss mit Cross Selling, zumindest für diese Woche. Die US-Großbank Wells Fargo hält laut einem Bericht des "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) ihre Vertriebsmitarbeiter davon ab, den Kunden immer weitere Produkte anzudrehen. Die Order gilt erst einmal bis Freitag. Als Grund nennt die Bank die derzeit starke Belastung mit Telefonaten.
Wells Fargo Börsen-Chart zeigen ist damit beschäftigt, den Kunden zu erklären, wie es zu dem Skandal kommen konnte, der den bislang branchenweit bewunderten Konzern in Misskredit bringt. Bankchef John Stumpf und andere Topmanager wurden für kommende Woche vor den Bankenausschuss des US-Senats geladen.

Wells Fargo hat sich Ende vergangener Woche mit Staatsanwaltschaft und Aufsichtsbehörden auf 185 Millionen Dollar Strafe geeinigt. Den Ermittlern zufolge hat die Bank seit 2011 mehr als zwei Millionen Konten ohne Wissen der Kunden eröffnet. In manchen Fällen der intern "Sandbagging" genannten Praxis wurden auch Kreditkarten mit erfundenen Namen ausgegeben. Ein Schuldeingeständnis der Bank ist mit dem Deal nicht verbunden, gegen die Topmanager wird nicht weiter ermittelt.

Im Vergleich zu den Multi-Milliarden-Strafen der Wall Street für Vergehen in der Finanzkrise erscheinen 185 Millionen Dollar als ein überschaubarer Betrag. Der Konzern aus San Francisco rühmt sich seiner maximalen Distanz zum Investmentbanking. Doch auch das einfache, verbraucherorientierte Geschäftsmodell von Wells Fargo taugt zum Skandal.
Für das nach der Finanzkrise geschaffene Amt für finanziellen Verbraucherschutz (CFPB), dem 100 Millionen Dollar aus der Einigung zustehen, ist es der bisher größte Fall.
Während Wells Fargo darauf verweist, mehr als 5000 Angestellte im Zusammenhang mit dem "Sandbagging" vor die Tür gesetzt zu haben, sehen Politiker und Investoren die Bankspitze in der Verantwortung. Finanzvorstand John Shrewsberry kündigte am Dienstag an, den Skandal detailliert aufklären zu wollen. Dabei werde vor keiner Hierarchieebene halt gemacht.

Die Chefin der "Sandbagger" verabschiedet sich mit 125 Millionen Dollar Bonus
Offenbar führte die Anreizstruktur mit Boni für eine hohe Zahl von Vertragsabschlüssen zu erhöhtem Verkaufsdruck - die Bank misst ihren Erfolg auch an der hohen Cross-Selling-Rate von durchschnittlich sechs Produkten pro Wells-Fargo-Kunde. Über "tonnenweise neues Geschäft" prahlte John Stumpf noch im Mai gegenüber dem "Handelsblatt" - und mahnte an, im Kreditkartengeschäft müsse seine Bank stärker werden.
Das "Wall Street Journal" zitiert Bankanalyst Mike Mayo, Wells Fargo solle Boni von Starbankerin Carrie Tolstedt zurückfordern, die sich erst im Juli in den Ruhestand verabschiedet hatte - laut "Fortune" mit Aktien und Optionen im Wert von 125 Millionen Dollar, von Bankchef Stumpf gelobt als "Bannerträgerin unserer Kultur" und "Vorkämpferin der Kunden". Zuvor stand Tolstedt an der Spitze der Sparte Community Banking, in der die "Sandbagging"-Operation ablief.
Der Fall sei wie gemacht für den vor wenigen Jahren eingeführten Bonivorbehalt, findet auch Dennis Kelleher von der bankenkritischen Gruppe "Better Markets". Sollte die Bank die Belohnung für den Betrug nicht zurückfordern, "dann gibt sie ihren Angestellten einen Anreiz dafür, das Gesetz zu brechen". Sogar der Verband der Regionalbanken gab zu Protokoll, man sei "empört" über Wells Fargos Verhalten.


Der Titel "wertvollste Bank der Welt" ist in Gefahr
Zur neuen negativen Publicity gehört auch, dass selbst die Übel der Finanzkrise nicht so fern von Wells Fargo liegen, wie John Stumpf glauben lassen will. Im April stimmte der Konzern einer Strafe von 1,2 Milliarden Dollar zu. Dabei ging es um falsche Angaben zu Hauskrediten, deren Risiken an die halbstaatlichen Agenturen Fannie Mae und Freddie Mac weitergereicht wurden.
Auch dies markierte den Rekord für die höchste Strafe in der Geschichte einer US-Institution, in diesem Fall der Wohnungsbaubehörde FHA. Und die größere Rechnung wegen Anlegerbetrugs mit dem Justizministerium, das Wettbewerbern wie Bank of America schon Strafen von mehr als 16 Milliarden Dollar aufgebrummt hat, ist noch offen.
Außerdem wiesen die Aufseher von der Federal Reserve Wells Fargos "Testament" für den Fall einer notwendigen Liquidierung der Bank als unzureichend ab. So einfach das Geschäftsmodell auch sein mag, schon die schiere Größe des Konzerns erweist sich oft genug als schwer zu steuern.
Der Titel "wertvollste Bank der Welt" jedenfalls ist in akuter Gefahr. Die Wells-Fargo-Aktie ist seit Jahresbeginn um 10 Prozent abgerutscht und brachte es zum New Yorker Börsenschluss am Montag noch auf eine Marktkapitalisierung von 247,2 Milliarden Dollar. Der Börsenwert von JPMorgan Chase belief sich auf 245,7 Milliarden Dollar, auch die chinesische ICBC könnte in Kürze wieder zum Überholen ansetzen.

 

Erschienen am 13.09.2016 auf http://www.manager-magazin.de/unternehmen/banken/wells-fargo-vorzeigebank-entzaubert-in-sandbagging-skandal-a-1112058.html , von Arvid Kaiser und Lutz Reiche

 

 

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