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Was etablierte Unternehmen von Start-Ups lernen können 01.09.2016

In Europa gibt es nichts Vergleichbares zum Silicon Valley. Das dort herrschende symbiotische Miteinander von Kapitalgebern und Gründern läuft wie eine gut geölte Maschine. Sie produziert in rascher Folge Unternehmen, die weltweit ganze Märkte umkrempeln. Gleichzeitig produziert sie Legionen von Flops. Das Scheitern ist einkalkuliert. Die Start-up-Kultur in den USA funktioniert weitgehend nach dem Motto: „fail often, fail fast, fail cheap“. Im Silicon Valley findet sich eben nicht nur eine einmalige Kombination aus Kreativität und Kapital. Hier werden auch die Methoden entwickelt und erprobt, mit denen Unternehmen nicht Opfer des digitalen Darwinismus´ und der Dematerialisierung werden, sondern Profiteure.

Dass deutsche Unternehmer und Politiker immer wieder ins Silicon Valley pilgern, um sich inspirieren zu lassen, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Im Grunde spüren oder wissen sie: Die durchaus lebendige deutsche Start-up-Szene ist noch viel zu klein und entfaltet zu wenig Strahlkraft. Damit fehlt es nicht nur an Nachschub für innovative Produktideen und Geschäftsmodelle, sondern auch an Impulsen für die unternehmerische Praxis. Start-ups können einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Deutschlands Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen und im Wettbewerb zu halten.

Das Problem: Die DNA etablierter deutscher Unternehmen ist vor allem auf Stabilität und gefestigte Strukturen ausgelegt. Vereinfacht gesagt produzieren sie immer dasselbe, wobei sie ihre Produkte und Dienstleistungen natürlich weiter verfeinern. Bis heute funktioniert dieses Prinzip für viele Unternehmen ausgesprochen gut. Wachstumsquoten sowie Exporterfolge der Wirtschaft zeugen davon.

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verändert jedoch alles. Plötzlich werden die Schwächen und offenen Flanken offenkundig. Viele Unternehmen sind zu langsam, ihnen mangelt es an Fantasie für neue Geschäftsmodelle und nicht zuletzt auch an der Fähigkeit, diese von jetzt auf gleich anpassen zu können. Es fehlt ein disruptives Momentum. Hatte die Hotelbranche den Neuling airbnb auf der Rechnung? Nein, sie wurde kalt erwischt. Gleiches gilt für das Taxigewerbe. Der weltweit größte Anbieter für Mobilität heißt mittlerweile uber. Und uber wie airbnb haben eines gemeinsam: Sie besitzen weder Autos noch Wohnungen. Sie bieten eine Softwareplattform, auf der sie professionelle Anbieter durch Privatleute ersetzen. Menschen in aller Welt übernehmen Chauffeurdienste oder stellen ihre Sofas, Zimmer oder Wohnungen zur Verfügung.

Für traditionelle Unternehmen ist es also von Vorteil, die Mechanik der Start-ups zu verstehen. Sie werden nicht durch Silos und Hierarchien gehemmt oder durch komplexe Entscheidungswege entschleunigt. Darüber hinaus werden viele mittlerweile nach der Lean-Start-up-Methode geführt, die den Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaft besonders deutlich macht. Lean Start-ups pfeifen auf allerlei Ballast, mit dem sich Unternehmen gemeinhin herumschlagen. Auf empirische Marktforschung zum Beispiel, ohne die viele Unternehmen nicht auszukommen glauben, um neue Produktideen zu entwickeln oder Neuheiten im Vorfeld abzusichern. Oder auf den sogenannten „Stealth-Modus“, in dem Innovationen erst einmal lange im Geheimen ausgebrütet werden. Lean Start-ups gehen mit ihrer Produktidee sofort nach draußen, befragen Stakeholder und Kunden, nehmen die Ergebnisse und verändern ihr Geschäftsmodell oder ihr Produkt immer wieder und so lange, bis die Idee wirklich tragfähig erscheint.

Eines der ersten Lean Start-ups ist Blue River Technology in den USA. Es trat mit der Idee an, automatische Rasenmäher vor allem für Golfplatzbetreiber zu entwickeln. Nachdem die Gründer in wenigen Tagen mit 100 möglichen Kunden gesprochen hatten, wussten sie, dass sie der falschen Fährte folgten. Als ihre wahren Kunden stellten sich Farmer heraus, die mit dem Unkraut auf ihren Feldern kämpfen und ihre Pflanzen bis zur Ernte gezielt päppeln müssen. Innerhalb eines Monats waren sie mit einem Prototypen unterwegs. Professor Steve Blank, der unter anderem an der Stanford University lehrt und als einer der Väter der Lean Start-ups gilt, hat diese exemplarische Erfolgsstory 2013 im Harvard Business Review beschrieben.

Initiative Deutschland Digital
Solch ein Vorgehen ist in den allermeisten alteingessenen Unternehmen undenkbar. Diese sind deshalb gut beraten, sich Start-ups genau anzuschauen, sie in Projekte einzubinden, mit ihnen zu kooperieren und von ihnen zu lernen. Unterstützt werden sie dabei von der neu gegründeten Initiative Deutschland Digital. Ihr Ziel ist es, Unternehmen und vor allem Mittelständler für die digitale Transformation zu befähigen und die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands zu stärken. Dazu arbeiten die Mitglieder der IDD, die von namhaften IT-Unternehmen und Wirtschaftsverbänden getragen wird, in vier Säulen zusammen:
    •    „Austausch und Qualifikation“

    •    „Infrastruktur und Technologie“

    •    Regulierung und Förderung“

    •    „Innovation und Start-ups“

So fordert und fördert die IDD nicht nur bessere Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Innovationskultur in Deutschland. Sie gibt auch wichtige Impulse, um Start-ups und etablierte Unternehmen zu vernetzen und neue Arbeitsplätze in der zunehmend digitalen Ökonomie zu schaffen.

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