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Demut mit einem Schuss Selbstverliebtheit 25.09.2015

Die Eigenschaften einer guten Führungskraft

Führungskräfte sollen empathisch sein und motivieren können. Aber sie brauchen auch einen gewissen Geltungsdrang, stellt eine neue Studie fest.

 Narzissten sind in Führungspositionen überrepräsentiert. Nach einer Studie des Psychologen und Forensikers Robert Hare und des Unternehmensberaters Paul Babiak finden sich in Spitzenführungspositionen dreieinhalbmal so viele Psychopathen wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Der Forensiker Jens Hoffmann geht davon aus, dass ihr Anteil in Führungspositionen sechs Prozent beträgt. Verwunderlich ist diese Häufung nicht. Um ganz nach oben zu kommen, braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein und die Eigeneinschätzung, einer Rolle als Anführer auch gewachsen zu sein. Kein Wunder also, dass viele Führungskräfte selbstverliebt sind.

Zugleich ist aber kein reiner Alpha-Führungsstil mehr gefragt, der qua Autoritätsprinzip funktioniert. Führungskräfte sollen heute Empathie mitbringen, sich als Coach und Berater sehen und ihren Mitarbeitern individuelles Feedback geben. Das erfordert Fähigkeiten, bei denen man den eigenen Narzissmus zurücknehmen muss. Kann das gelingen?

Forscher der Brigham Young University widmeten sich der Frage, wie sich die Anforderung an paradoxe Fähigkeiten und Verhaltensweisen im Führungserfolg niederschlägt. Die Studie, über die Wirtschaftspsychologie aktuell berichtet hat, kommt zu dem Ergebnis: Empathie, Mitgefühl und Demut sind wichtig – aber ebenso wenig darf der Narzissmus fehlen.

Demnach haben Vorgesetzte dann die engagiertesten Mitarbeiter und besten Unternehmensergebnisse, wenn sie leicht narzisstische Persönlichkeitsmerkmale aufweisen – aber trotzdem Demut zeigen können. Dazu gehört etwa, Fehler eingestehen zu können, Dankbarkeit für die Leistung der Mitarbeiter zu zeigen oder anzuerkennen, wenn die Untergebenen mehr wissen als der Chef selbst.

Erstaunlich dabei ist: Fehlt dem Chef ein narzisstischer Geltungsdrang und verzichtet er völlig auf Alpha-Gehabe, spornt das die Mitarbeiter offenbar nicht zu Höchstleistungen an. Ebenso verweigern sich viele Beschäftigte, wenn der Chef seinen Narzissmus völlig auslebt und wenig Empathie und Gespür für die Mitarbeiter mitbringt. Zwar seien Narzissten durch ihre Selbstverliebtheit in der Regel sehr ehrgeizig, heißt es in der Studie. Aber sie schafften es dann nicht, das Team zu motivieren. Der Narzissmus werde in diesem Fall durch keine positiven Eigenschaften eingedämmt.


Ohne Empathie geht es nicht

Für ihre repräsentative Studie hatten die Forscher mehr als 1.000 Mitarbeiter samt ihrer Führungskräfte befragt. Die Chefs wurden dabei nach ihrer Selbsteinschätzung gefragt und sollten Angaben über die Leistungsbereitschaft und das Engagement ihrer Mitarbeiter machen. Die Mitarbeiter sollten das Verhalten der Vorgesetzten beschreiben und deren Leistungen als Führungskräfte bewerten. Zugleich erfolgte ein Abgleich mit den Unternehmenskennziffern und den im Unternehmen verfügbaren, objektiv messbaren Daten zur Leistung der Beschäftigten.

Die Wissenschaftler fanden heraus: Am beliebtesten waren die Chefs, die zwar durchaus narzisstische Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen, aber dennoch Empathie und Dankbarkeit zeigen konnten. Die Mitarbeiter fanden, dass diese Chefs am meisten motivierten, sie bescheinigten ihnen, ihnen wie ein Coach zur Seite zu stehen und fanden diesen Führungsstil hilfreich. Diese Mitarbeiter waren motivierter. Und das hatte offenbar einen Einfluss auf die Arbeitsleistung der Teams. Nicht nur die subjektive Bewertung der Arbeitsleistung durch den Chef fiel besser aus, auch die Unternehmenskennzahlen lieferten der Studie zufolge Belege dafür.

Man sieht also: Chefsein erfordert eine Prise Egoismus und Geltungsdrang. Wirtschaftspsychologen gehen davon aus, dass ein gewisser Narzissmus durchaus auch evolutionär sinnvoll ist. Viele charismatische Anführer in der Geschichte werden als auffällige Persönlichkeiten beschrieben. Es braucht starke und angstfreie Typen, die Gruppen leiten. Das hat in der Menschheitsgeschichte oftmals das Überleben einer Gruppe gesichert.

Für die heutige Arbeitswelt gilt indes: Ohne Empathie geht es nicht.

 

Erschienen am 24.08.2015 auf www.zeit.de, von Tina Groll

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