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EXCELLENT UND CRAZY AS HELL! 08.02.2017

Mal ganz offen: Die wirklich richtig guten Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen sind manchmal diejenigen, die die Personalabteilung niemals eingestellt hätte. Zu unangepasst, zu eigenwillig, zu extrem, zu wild. Crazy as hell. Oder zu still, zu farblos, zu seltsam. Dennoch exzellent. Gerade deshalb.
Spitzenköche zum Beispiel. Das sind fast immer seltsame Typen. Manchen möchten Sie im Dunkeln nicht begegnen, so, wie die aussehen. Gut – es gehört zu meinem Job, gerade solchen Typen im Dunkeln zu begegnen. Spätabends, wenn die Gäste endlich glücklich, die Pfannen wieder sauber und ein paar Minuten übrig sind, um neue Menüs zu besprechen.


GRUSS AUS DER KÜHLKAMMER
Und wie ich da einmal so mit dem Küchenchef sitze, höre ich plötzlich ein komisches Wimmern. Ja: Wimmern. Was war das? Vergessener Hund? Rausgeschmissener Spüler? Jemand mit Kochmesser im Daumen? Mir wird heiß und kalt. „Was ist das? Hörst du das nicht?“, frage ich den Chef erschrocken. „Schon ok, Carsten, alles bestens hier“, grinst der nur.
Ich glaube ihm nicht, stehe auf und fange an, die Küche abzusuchen. Ich finde nichts. Keinen Hund, kein Blut, keine Tränen. Als ich in der hintersten Ecke der Küche ankomme, wird das Wimmern lauter, aber ich sehe immer noch nichts. In dieser Ecke ist nur der Kühlraum. Ich gehe drauf zu, reiße die dicke, isolierte Metalltür auf. Erst mal sehe ich gar nichts, wegen den Nebelschwaden. Das Wimmern hört schlagartig auf. Dann lichtet sich der Vorhang. Und ich denke, ich halluziniere.


„DER BRAUCHT DAS.“
Mitten zwischen Schweinehälften und Rinderbeinen baumelt – der Sous Chef. Ein Brocken von einem Kerl, über zwei Meter groß, muskulös, großflächig tätowiert. Eher spärlich bekleidet – Sie wissen schon … Mit Handschellen fixiert. Spontan bin ich heilfroh, dass Amnesty International, der Betriebsrat, das Gesundheitsamt und meine kleiner Sohn mir in diesem Moment nicht über die Schulter schauen. Mir fehlen die Worte.
„Mach dir mal keine Sorgen, Carsten: Der will das so. Der Kerl braucht das.“ Erklärt mir der Küchenchef. „Er hat darum gebettelt, wie immer. Das motiviert ihn.“ Ich staune: „Ach so, das motiviert ihn. Und wie lange hängt er schon da?“ „Nicht lange genug.“ Dann greift der Küchenchef nach der Tür zum Kühlraum und knallt sie wieder zu. Und setzt in unserem Gespräch einfach wieder da an, wo wir aufgehört haben – bei der Vorspeise.


FREIHEIT RADIKAL DENKEN
Ich habe an diesem Abend lange nachgedacht: Ist das richtig? Ist das noch Motivation? Darf ich das als Führungskraft zulassen, gar erlauben? Welche Extravaganzen kann ich verantworten? Ist „crazy as hell“ eine typische Schattenseite von Excellence? Ja: Damals, vor 20 Jahren, war das häufig so. Heute muss das nicht mehr so sein. Kann aber immer noch sein. Diese Küchencrew war tatsächlich eine der besten, die mir je untergekommen ist. Weil jeder die Freiheit hatte, Spitzenleistungen zu bringen. Und die Freiheit, sich auf seine Weise zu regenerieren. Gut – vielleicht hätte der Mann mit Hilfe eines Psychologen auch andere Wege finden können. Yoga. Oder Häkeln, vielleicht.
Ich möchte an dieser Stelle nicht für Niedrigtemperaturfesselspiele als Motivationsmethode für Spitzenteams plädieren und auch nicht für Häkeln. Überhaupt nicht. Darum geht es mir nicht. Ich sage nur: „Jeder Jeck ist anders.“ Wenn Sie als Führungskraft Excellence wollen, tun Sie dem Mitarbeiter, dem Unternehmen und letztendlich auch sich selbst einen großen Gefallen, wenn Sie langweilige Standardmethoden zum Thema Motivation in die Tonne werfen. Mit Standardmethoden züchten Sie sich Standardmitarbeiter heran. Schlimmstenfalls COMOs, also Corporate Monkeys.
Entwickeln Sie lieber individuell Ventile, mit denen Mitarbeiter Dampf ablassen und Tools, mit denen sie noch besser werden können. Und seien diese Tools noch so ungewöhnlich.

Ich sage:
„Ungewöhnliche Unternehmen dürfen nicht gewöhnlich geführt werden!“

 

Erschienen am 18.01.2017 auf https://www.xing.com/news/insiders/articles/excellent-und-crazy-as-hell-561751?sc_o=da536_bn&xing_share=news , von Carsten K. Rath

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