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Gallup Engagement Index: Ist gute Führung Mangelware? 14.06.2017

Loyale Mitarbeiter sind der Traum vieler Führungskräfte. Aber solche Angestellte sind rar, das zeigt zumindest eine aktuelle Studie. Nicht zuletzt sind die Vorgesetzten selbst dafür verantwortlich.

Loyale Mitarbeiter sind der Traum vieler Führungskräfte. Aber solche Angestellte sind rar, das zeigt zumindest eine aktuelle Studie. Nicht zuletzt sind die Vorgesetzten selbst dafür verantwortlich.

 

"Gute Chefs sind Mangelware"

Pa Sinyan

Country Manager, Gallup Deutschland

- Mehr als jeder zweite Mitarbeiter plant seine Zukunft bei einer anderen Firma

- 15 Prozent der Beschäftigten haben innerlich bereits gekündigt

- Das Problem ist hausgemacht und betrifft insbesondere die Personalführung

Die gute Konjunktur hat auch ihre Schattenseiten. Viele Unternehmen suchen händeringend nach qualifizierten Bewerbern. Gleichzeitig sinkt die Treue der Mitarbeiter. Laut aktuellem Gallup Engagement Index planen nur noch 46 Prozent der Beschäftigten ihre berufliche Karriere bei ihrem derzeitigen Unternehmen (2014: 51 Prozent). Das ist eine echte Herausforderung – und teuer. Denn Unternehmen müssen im Schnitt das 1,5-fache des Jahresgehalts aufwenden, um einen Mitarbeiter gleichwertig zu ersetzen – Kosten, die letztlich durch mangelnde Mitarbeiterbindung verursacht werden. Im Lauf der vergangenen drei Jahre haben wir fast zwei Millionen Mitarbeiter in 73 Ländern befragt – und klar belegt, dass die Fluktuation in Arbeitsgruppen mit geringer emotionaler Bindung um 59 Prozent höher ist als in Teams mit hoher Bindung. Ein Mangel an Mitarbeiterbindung führt außerdem nachweislich zu deutlich höheren Fehlzeiten, einer schlechteren bereichsübergreifenden Zusammenarbeit, Qualitätsmängeln und sogar Arbeitsunfällen.

Emotionale Mitarbeiterbindung – und damit meinen wir nicht Zufriedenheit – sorgt umgekehrt für mehr Motivation und Leistungsbereitschaft. Doch in Deutschland liegt der Anteil der hoch gebundenen Mitarbeiter nur bei 15 Prozent, 70 Prozent machen gerade mal Dienst nach Vorschrift, weitere 15 Prozent haben innerlich bereits gekündigt. Das Problem ist hausgemacht und lässt sich in den allermeisten Fällen auf Defizite in der Personalführung zurückführen. Ganz platt gesagt: Schuld sind immer die Chefs. Die führen zwar nicht absichtlich schlecht, sind sich ihrer Defizite aber auch nicht bewusst – 97 Prozent halten sich selbst für eine gute Führungskraft. Demgegenüber hat jedoch jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal daran gedacht, wegen seines Vorgesetzten zu kündigen.

Selbst wenn Mitarbeitergespräche stattfinden, verfehlen sie oft ihr Ziel

Aus motivierten Leuten werden Verweigerer, wenn ihre emotionalen Bedürfnisse bei der Arbeit über einen längeren Zeitraum ignoriert werden. Man hört ihnen nicht zu, fragt sie nicht nach ihrer Meinung, sieht nur die Arbeitskraft, nicht den Menschen. Denn um motiviert und produktiv zu sein und ihre Leistungen zu verbessern, benötigen alle Mitarbeiter regelmäßig Lob für gute Arbeit und konstruktive Kritik. Aber nur jeder zweite Arbeitnehmer hat im vergangenen Jahr überhaupt ein Gespräch über seine Leistung geführt. Gerade mal 14 Prozent tauschen sich regelmäßig mit ihrer Führungskraft aus. Und selbst wenn sie stattfinden, verfehlen Gespräche oft ihr Ziel. Nur 38 Prozent der Mitarbeiter erklären explizit: „Die Rückmeldung, die ich bekomme, hilft mir, meine Arbeit besser zu machen.“ Gängige Jahresgespräche kreisen meist um Gehalts- und Beförderungsentscheidungen. Dadurch vergeuden Vorgesetzte nicht nur die Chance, ihre Mitarbeiter besser kennenzulernen, um sie dann – gemäß ihren Stärken – weiter zu fördern, sondern richten zudem den Fokus auf die falschen Faktoren. Für die emotionale Bindung ist zum Beispiel „die Möglichkeit, das zu tun, was man richtig gut kann“, fünfmal relevanter als das Gehalt. Wenn sich das Mitarbeitergespräch dann noch auf den Fortschritt anhand bestimmter Kennzahlen konzentriert, aber sechs von zehn Beschäftigten an Ergebnissen gemessen werden, die sie selbst gar nicht beeinflussen können, ist die Entfremdung programmiert.

Daher sollten Unternehmen endlich umdenken und den Fokus darauf legen, wen sie zur Führungskraft machen. Denn die gängige Beförderungspraxis verwandelt täglich tausendfach hochqualifizierte Experten in mittelmäßige Führungskräfte. Solange sich Karriere hierzulande allein an der Zahl der Untergebenen bemisst, wird sich kaum etwas ändern. Um die emotionale Mitarbeiterbindung nachhaltig zu steigern, brauchen wir ein echtes Update in den Führungsetagen. Unternehmen müssen bei der Auswahl von Führungskräften auf entsprechende Talente achten – und alternative Karrierewege für Mitarbeiter schaffen, denen es daran mangelt. Und sie brauchen Performance-Management-Ansätze, die Führungsqualität honorieren. Sie müssen ihre Manager dabei unterstützen, das eigene Verhalten zu reflektieren – zum Beispiel mit gezielten Trainings, in denen Führungskräfte lernen, regelmäßig relevantes Feedback zu geben und in Mitarbeitergesprächen den Fokus auf individuelle Stärken zu legen.

Erschienen am 12.06.2017 auf 

https://www.xing.com/news/klartext/gute-chefs-sind-mangelware-

 von Pa Sinyan

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